Vom Haben zum Sein - über die Kunst in Veränderung verbunden zu bleiben

Veröffentlicht am 10. Oktober 2026 um 09:27

I. Haben – Die Welt in unseren Händen

Was hast du?

Eine einfache Frage. So einfach, dass wir sie gewöhnlich beantworten, ohne über ihre Bedeutung nachzudenken.

Wir haben ein Haus, eine Familie, einen Beruf. Wir haben Erinnerungen, Erfahrungen, Fähigkeiten und Überzeugungen. Wir haben Probleme, Ängste, Hoffnungen und gelegentlich das unangenehme Gefühl, nicht genug von irgendetwas zu haben.

Wir haben sogar eine Identität.

Und wenn wir einmal nicht wissen, wer wir sind, machen wir uns auf die Suche, als hätten wir unsere Identität irgendwo zwischen dem Haustürschlüssel und der Einkaufsliste verlegt.

Unsere Sprache ist voller Besitzverhältnisse.

Dabei bemerken wir selten, wie sehr diese sprachlichen Konstruktionen unsere Wahrnehmung beeinflussen können.

Wer sagt: „Ich habe ein Problem“, beschreibt eine andere Beziehung zu seinem Erleben als jemand, der sagt: „Ich nehme wahr, dass mich eine Situation belastet.“

Und wer sagt: „Ich bin ein Problem“, geht noch einen Schritt weiter. Hier wird aus einer Erfahrung eine Identität. Die Grenze zwischen dem Menschen und seiner Bewertung verschwimmt.

Das mag wie eine sprachliche Spitzfindigkeit erscheinen. Doch Sprache ist nicht nur ein Werkzeug, mit dem wir unsere Wirklichkeit beschreiben. Sie beteiligt sich auch daran, wie wir diese Wirklichkeit ordnen, bewerten und erleben.

Der Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm beschäftigte sich in seinem 1976 erschienenen Werk Haben oder Sein mit zwei grundlegenden Existenzweisen des Menschen.

In der Orientierung am Haben wird das Leben wesentlich über Besitz, Aneignung, Kontrolle und Sicherung organisiert. Die Orientierung am Sein richtet sich dagegen stärker auf lebendige Erfahrung, Tätigkeit, Verbundenheit und die Entfaltung menschlicher Möglichkeiten. [1]

Fromm betrachtete diese Unterscheidung nicht nur als individuelle Frage. Er verband sie mit einer Kritik gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen, die Menschen dazu anregen, ihren Wert über das zu bestimmen, was sie besitzen, leisten oder darstellen.

Und genau hier beginnt eine interessante Bewegung.

Denn wenn Menschen sich zunehmend über das definieren, was sie haben, stellt sich irgendwann die Frage, was von ihnen übrig bleibt, wenn sie etwas verlieren.

Was geschieht mit einem Menschen, dessen Beruf wegfällt, wenn er sich ausschließlich über seine berufliche Funktion definiert?

Was geschieht mit einer Person, die sich für stark hält, wenn sie plötzlich Angst erlebt?

Was geschieht mit einer Gesellschaft, die ihren Fortbestand an ständig wachsenden Besitz knüpft, obwohl die materiellen Grundlagen dieses Wachstums begrenzt sind?

Vielleicht liegt die Schwierigkeit nicht im Haben selbst.

Wir brauchen Dinge. Wir brauchen Sicherheit, Orientierung und materielle Lebensgrundlagen.

Problematisch wird es möglicherweise dort, wo das Haben zum grundlegenden Maßstab des Seins wird.

Wo wir nicht mehr sagen: „Ich übe einen Beruf aus“, sondern unser gesamtes Selbstverständnis davon abhängig machen, diese Funktion zu erfüllen.

Wo aus „Ich habe eine Überzeugung“ die Unfähigkeit entsteht, eine andere Perspektive überhaupt noch zuzulassen.

Wo wir beginnen, unsere Identität wie einen kostbaren Gegenstand zu bewachen.

Und während wir damit beschäftigt sind, festzuhalten, was wir zu besitzen glauben, verändert sich die Welt um uns herum.

Unaufhörlich.

Ganz gleich, ob wir damit einverstanden sind.

II. Irritation – Wenn das Vertraute seine Ordnung verliert

Stellen wir uns eine Spinne vor.

Sie sitzt in der Mitte ihres Netzes, das zwischen den Zweigen eines alten Birnbaums gespannt ist.

Die Sonne steht tief. Feine Fäden glänzen im goldenen Licht. Zwischen den Blättern hängt der süße Duft reifer Früchte, und irgendwo im Gras summt eine Hummel.

Die Spinne hat ihr Netz sorgfältig gebaut. Jeder Faden erfüllt eine Funktion. Jede Verbindung steht in Beziehung zu anderen Verbindungen.

Dann kommt der Wind.

Zunächst bewegt er nur die Blätter. Doch plötzlich erfasst eine Böe das Netz. Ein Faden reißt. Dann ein zweiter.

Die bisherige Ordnung ist gestört.

Was nun?

Aus menschlicher Perspektive könnten wir sagen: Die Spinne hat ein Problem.

Vielleicht würden wir sogar behaupten, ihr Netz sei zerstört.

Doch die Spinne beginnt, auf die veränderten Bedingungen zu reagieren. Sie sucht neue Befestigungspunkte, zieht neue Fäden und baut weiter.

Das Netz wird anders.

Nicht notwendigerweise besser. Nicht notwendigerweise schlechter.

Zunächst einmal anders.

Was wir als Störung bezeichnen, kann zugleich zum Ausgangspunkt einer neuen Organisation werden.

Der Soziologe Niklas Luhmann beschäftigte sich intensiv mit der Frage, wie soziale Systeme ihre eigene Ordnung hervorbringen und auf Ereignisse reagieren, die ihre bisherigen Erwartungen herausfordern.

In seiner Systemtheorie werden äußere Ereignisse nicht einfach als fertige Informationen in ein soziales System übertragen. Welche Bedeutung ein Ereignis erhält und welche Anschlusskommunikation daraus entsteht, hängt von den Unterscheidungen und Strukturen des Systems ab. [5]

Diese Sichtweise hilft zu verstehen, warum ein und dasselbe Ereignis in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen völlig verschiedene Reaktionen hervorrufen kann.

Zwei Menschen können denselben Satz hören und unterschiedlich darauf reagieren.

Für die eine Person ist er eine interessante Anregung.

Für die andere eine Bedrohung.

Für eine dritte möglicherweise völlig bedeutungslos.

Das gilt auch für Organisationen.

Stellen wir uns ein Team vor, in dem seit Jahren die unausgesprochene Regel herrscht, dass Schwierigkeiten möglichst nicht angesprochen werden.

Wer Überlastung äußert, gilt als wenig belastbar. Wer Fragen stellt, als unsicher. Wer widerspricht, als unbequem.

Nun stellt jemand eine scheinbar harmlose Frage:

„Was in unseren Arbeitsbedingungen führt eigentlich dazu, dass wir uns regelmäßig überfordert fühlen?“

Ein kurzer Moment der Stille.

Einige Menschen blicken auf den Tisch. Andere verschränken die Arme. Vielleicht lächelt jemand verlegen.

Die Frage hat etwas verschoben.

Bislang war Überforderung eine Eigenschaft einzelner Personen. Nun wird sie möglicherweise als Ergebnis gemeinsamer Arbeitsbedingungen betrachtet.

Die bisherige Ordnung der Bedeutungen gerät in Bewegung.

Doch Irritation allein erzeugt noch keine Entwicklung.

Sie kann Neugier auslösen, aber ebenso Abwehr, Rückzug oder Angst.

Hier kommt die Qualität der Beziehung ins Spiel.

Wenn Menschen sich ausreichend sicher fühlen, können sie eine ungewohnte Perspektive eher erkunden. Fehlt diese Sicherheit, kann dieselbe Frage als Angriff erlebt werden.

Veränderung lässt sich deshalb nicht allein durch die Stärke eines Impulses erklären.

Entscheidend ist auch, auf welchen Zusammenhang dieser Impuls trifft und unter welchen Bedingungen er verarbeitet wird.

Die Spinne baut schließlich nicht irgendwo ein neues Netz.

Sie baut dort, wo sie Halt findet.

III. Differenzierung – Ich bin nicht alles, was ich erlebe

Ein Mensch sitzt in einem Besprechungsraum.

Die Luft ist warm. Auf dem Tisch stehen halb geleerte Kaffeetassen. Ein Kugelschreiber klickt unablässig. An der Wand tickt eine Uhr, deren Geräusch plötzlich erstaunlich laut erscheint.

Die Person soll eine Entscheidung erläutern.

Noch bevor sie zu sprechen beginnt, beschleunigt sich ihr Herzschlag. Die Schultern ziehen sich nach oben. Im Bauch entsteht ein unangenehmes Ziehen.

Ein Gedanke taucht auf:

„Ich bin unsicher.“

Vielleicht folgt ein zweiter:

„Ich bin einfach nicht gut genug.“

In wenigen Sekunden ist aus einer körperlichen Reaktion eine Bewertung der gesamten Person geworden.

Doch was geschieht, wenn wir die Beschreibung verändern?

„Ich bemerke, dass mein Körper auf diese Situation mit Anspannung reagiert.“

Oder:

„Ich habe Sorge, dass meine Entscheidung abgelehnt wird.“

Die Erfahrung ist zunächst dieselbe.

Das Herz schlägt möglicherweise noch immer schneller. Die Hände sind vielleicht weiterhin feucht.

Aber die Beziehung zur Erfahrung kann sich verändern.

Aus einer vermeintlich festen Eigenschaft wird ein gegenwärtiges Geschehen.

Aus „So bin ich“ wird „Das erlebe ich gerade“.

Diese Unterscheidung ist nicht bloß ein sprachlicher Trick. Sie kann neue Handlungsmöglichkeiten sichtbar machen.

Der Psychologe James Gross unterscheidet in seinem Prozessmodell der Emotionsregulation verschiedene Ansatzpunkte, an denen Menschen Einfluss auf ihre emotionalen Reaktionen nehmen können. Dazu gehören unter anderem die Aufmerksamkeitslenkung und die Veränderung kognitiver Bewertungen. [7]

Auch das sprachliche Benennen emotionaler Zustände wurde experimentell untersucht. Matthew Lieberman und sein Forschungsteam fanden in einer bildgebenden Studie Hinweise darauf, dass das Benennen negativer emotionaler Reize mit Veränderungen der Aktivität bestimmter Hirnregionen verbunden war. [8]

Daraus folgt allerdings nicht, dass jede sprachliche Umformulierung automatisch beruhigt oder dass Worte allein tief verankerte Erfahrungen verändern.

Sprache kann eine Möglichkeit eröffnen. Ob und wie sie wirksam wird, hängt vom Menschen, seiner Geschichte und der jeweiligen Situation ab.

Wenn ich unsicher bin, erscheint Unsicherheit möglicherweise als unveränderlicher Bestandteil meiner Person.

Wenn ich Unsicherheit erlebe, kann ich fragen, wodurch sie entsteht, was sie verstärkt, welche Funktion sie erfüllt und welche Bedingungen mir helfen könnten.

Dabei ist keine dieser Formulierungen grundsätzlich richtig oder falsch.

„Ich bin Autistin“ kann beispielsweise eine stimmige und integrierende Selbstbeschreibung sein, während „Ich habe Autismus“ für andere Menschen besser passt.

Hier geht es nicht darum, Identität grundsätzlich aufzulösen, sondern darum, selbst bestimmen zu können, welche Beschreibung dem eigenen Erleben entspricht.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob wir das Wort Haben oder Sein verwenden.

Sie lautet:

Erweitert unsere Sprache die Möglichkeiten, uns selbst und unsere Umwelt wahrzunehmen, oder begrenzt sie diese?

Der Anthropologe und Systemtheoretiker Gregory Bateson untersuchte, wie Lernen und Kommunikation in größeren Zusammenhängen organisiert sind.

Besonders interessant ist seine Unterscheidung verschiedener Ebenen des Lernens.

Wir können lernen, auf eine bestimmte Situation anders zu reagieren.

Wir können aber auch lernen, die Situation selbst anders einzuordnen.

Im ersten Fall verändert sich eine Reaktion innerhalb eines bestehenden Deutungsrahmens.

Im zweiten Fall verändert sich möglicherweise der Deutungsrahmen selbst. Bateson untersuchte solche Unterschiede insbesondere in seinem Aufsatz über die logischen Kategorien des Lernens und der Kommunikation. [2]

Wer bisher dachte: „Ich muss meine Unsicherheit überwinden“, könnte zu der Frage gelangen: „Warum bewerte ich Unsicherheit überhaupt als Schwäche?“

Plötzlich geht es nicht mehr ausschließlich um die Regulation eines unangenehmen Gefühls.

Es geht um die Ordnung, innerhalb der dieses Gefühl seine Bedeutung erhält.

Und diese Ordnung ist selten ausschließlich individuell.

Sie entsteht auch durch Erziehung, soziale Erwartungen, kulturelle Vorstellungen und Erfahrungen in Beziehungen.

Unser Nervensystem ist an solchen Prozessen beteiligt.

Erfahrungen können körperliche Reaktionsmuster prägen, die später auch ohne bewusste Erinnerung wirksam werden. Neue Erfahrungen können solche Muster unter bestimmten Bedingungen verändern.

Ob die ursprüngliche Erfahrungsinformation dabei vollständig erhalten bleibt oder durch spätere Verarbeitung verändert wird, ist eine weitergehende Frage. Aus dem Fortbestehen einer Reaktion lässt sich nicht ohne Weiteres auf die unveränderte Speicherung ihres Ursprungs schließen.

Doch für unseren Gedanken ist zunächst etwas anderes entscheidend:

Wir sind nicht darauf beschränkt, eine Erfahrung immer wieder auf dieselbe Weise zu erleben.

Eine neue Beschreibung kann eine neue Wahrnehmung ermöglichen.

Eine neue Wahrnehmung kann eine andere Reaktion begünstigen.

Und eine andere Reaktion kann die Bedingungen verändern, unter denen zukünftige Erfahrungen entstehen.

Nicht zwangsläufig.

Aber möglicherweise.

Manchmal beginnt eine solche Veränderung mit einem einzigen Satz.

Und manchmal braucht es viele Begegnungen, bevor dieser Satz auch im Körper eine neue Bedeutung erhält.

IV. Beziehung – Die Spinne ist nicht außerhalb ihres Netzes

Kehren wir in den Garten zurück.

Es hat geregnet.

Die Erde riecht dunkel und schwer. Wasser tropft von den Blättern des Birnbaums. Eine aufgeplatzte Frucht liegt im Gras, und mehrere Wespen haben sich auf ihrem süßen Fleisch niedergelassen.

Für einen Menschen, der die Birne essen wollte, ist sie möglicherweise verdorben.

Für die Wespen ist sie Nahrung.

Für Mikroorganismen wird sie zur Lebensgrundlage.

Ihre Bestandteile können in den Boden gelangen und dort an weiteren biologischen Prozessen beteiligt sein.

Was also ist diese Birne?

Eine verdorbene Frucht? Nahrung? Ein möglicher Ausgangspunkt neuen Lebens?

Die Antwort hängt davon ab, welche Beziehung wir betrachten.

Die Birne verändert ihre Bedeutung nicht allein durch ihre materiellen Eigenschaften, sondern auch durch den Zusammenhang, in dem wir sie wahrnehmen.

Hier berühren wir einen Gedanken, der sowohl in der Systemtheorie als auch in der Philosophie eine bedeutende Rolle spielt:

Die Eigenschaften eines Gegenstandes erklären nicht vollständig seine Bedeutung innerhalb eines Zusammenhangs.

Ein Baum ist nicht einfach nur ein Baum.

Er ist Lebensraum, Schattenspender, Sauerstoffproduzent, Kohlenstoffspeicher und Bestandteil vielfältiger Stoffkreisläufe.

Für die Spinne ist er ein möglicher Befestigungspunkt.

Für den Vogel ein Nistplatz.

Für einen Menschen vielleicht die Erinnerung an einen Sommer der Kindheit.

Und für jemanden, der Brennholz benötigt, besitzt er möglicherweise eine ganz andere Bedeutung.

Keine dieser Perspektiven beschreibt den Baum vollständig.

Sie machen unterschiedliche Beziehungen sichtbar.

Die Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela entwickelten mit dem Begriff der Autopoiesis ein Modell zur Beschreibung lebender Systeme, die die Komponenten und Prozesse ihrer eigenen Organisation fortlaufend hervorbringen und erhalten. [3]

Dabei geht es nicht einfach darum, dass alles miteinander verbunden ist.

Entscheidend ist vielmehr, wie ein lebendes System seine eigene Organisation aufrechterhält und zugleich in Wechselwirkung mit seiner Umwelt steht.

Niklas Luhmann griff den Begriff der Autopoiesis später für seine Theorie sozialer Systeme auf. Dabei veränderte er seinen Anwendungsbereich grundlegend: Während Maturana und Varela lebende Systeme untersuchten, beschreibt Luhmann soziale Systeme als Zusammenhänge, die sich durch Kommunikation reproduzieren. [5]

Eine Organisation besteht in dieser Theorie nicht einfach aus ihren Mitarbeitenden. Sie erhält sich durch fortlaufende Entscheidungen und die Kommunikation, die daran anschließt.

Diese theoretische Unterscheidung ist wichtig. Biologische und soziale Systeme funktionieren nicht nach identischen Mechanismen.

Dennoch können wir aus beiden Perspektiven eine Frage für unsere Lebenswelt gewinnen:

Wie entstehen Ordnungen, die sich selbst erhalten, und unter welchen Bedingungen können sie sich verändern?

Eine Organisation ist im Alltag eben nicht nur ein Gebäude, eine Sammlung von Menschen oder ein Organigramm.

Ihre Zusammenarbeit wird auch durch Regeln, Erwartungen, Zuständigkeiten, wiederkehrende Entscheidungen und unausgesprochene Vereinbarungen geprägt.

„Bei uns war das schon immer so.“

Ein unscheinbarer Satz.

Und doch kann er die Kraft besitzen, eine ganze Organisation in ihrer bisherigen Ordnung zu halten.

Nicht weil er eine Naturgesetzlichkeit beschreibt.

Sondern weil Menschen ihr Handeln daran orientieren und diese Orientierung in ihrer Kommunikation immer wieder bestätigen.

Wenn nun jemand fragt: „Seit wann machen wir das eigentlich so, und wozu dient es uns heute noch?“, verändert sich möglicherweise der Blick auf diese Ordnung.

Die Regel wird als Regel erkennbar.

Was zuvor selbstverständlich erschien, wird hinterfragbar.

Damit entsteht noch keine neue Organisation. Aber ein bisher unsichtbarer Zusammenhang kann zum Gegenstand gemeinsamer Betrachtung werden.

Hier zeigt sich die Bedeutung einer systemischen Prozessbegleitung.

Wer Veränderungen in einem sozialen System ermöglichen möchte, muss zunächst verstehen, wie dieses System seine eigene Wirklichkeit organisiert.

Welche Sprache verwendet es?

Welche Erwartungen werden ausgesprochen?

Welche bleiben unausgesprochen?

Welche Verhaltensweisen erzeugen Zugehörigkeit, welche führen zu Ausschluss?

Und wie reagieren Menschen, wenn vertraute Bedeutungen infrage gestellt werden?

Die Aufgabe besteht nicht darin, von außen eine vermeintlich bessere Ordnung aufzuzwingen.

Sie besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Beteiligten ihre eigenen Muster erkennen, überprüfen und gegebenenfalls verändern können.

Der Kybernetiker Heinz von Foerster hat mit seinen Arbeiten zur Kybernetik zweiter Ordnung eine wesentliche erkenntnistheoretische Verschiebung angeregt: Wer beobachtet, kann die Bedingungen und Unterscheidungen des eigenen Beobachtens nicht einfach aus der Erkenntnis herausrechnen. [4]

Auch wer ein System beobachtet, bringt eigene Erwartungen, Erfahrungen und Perspektiven mit.

Für die praktische Arbeit bedeutet das, dass eine Intervention nicht nur das Gegenüber beeinflusst.

Sie verändert auch den weiteren Verlauf der Beziehung.

Eine Frage erzeugt eine Reaktion. Diese Reaktion beeinflusst die nächste Frage. Eine unerwartete Antwort verändert möglicherweise die ursprüngliche Hypothese.

Es entsteht ein zirkulärer Prozess.

Vielleicht lässt sich das am besten mit unserer Spinne beschreiben.

Sie nimmt die Schwingungen ihres Netzes wahr, weil sie mit ihm verbunden ist.

Doch eine Schwingung verrät ihr nicht automatisch ihre Ursache.

Sie muss reagieren, prüfen und gegebenenfalls ihre Bewegung verändern.

Die Spinne ist Beobachterin und Beteiligte zugleich.

Allerdings besitzt auch diese Metapher ihre Grenzen. Eine menschliche Organisation ist kein Spinnennetz, das von einem einzelnen Wesen hergestellt und kontrolliert wird.

Die Menschen innerhalb einer Organisation besitzen eigene Bedürfnisse, Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten.

Und gerade deshalb darf systemische Arbeit nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, ein Mensch könne die Entwicklung eines anderen Systems vollständig steuern.

Veränderung entsteht nicht allein durch einen Impuls, sondern durch das Zusammenspiel zwischen Impuls, bestehender Organisation und den Reaktionen der Beteiligten.

Damit wird auch eine ethische Grenze sichtbar.

Verbundenheit bedeutet nicht Verschmelzung.

Eigenständigkeit bedeutet nicht Beziehungslosigkeit.

Und ein System, das seine eigene Ordnung um jeden Preis aufrechterhalten möchte, kann dadurch die Lebensfähigkeit anderer Systeme beeinträchtigen.

Eine Organisation beispielsweise, die ihre wirtschaftlichen Ziele dauerhaft über die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden stellt, gefährdet möglicherweise langfristig gerade jene Bedingungen, auf die sie angewiesen ist.

Ebenso kann ein Mensch, der sich ausschließlich an die Bedürfnisse anderer anpasst, seine eigenen Grenzen aus dem Blick verlieren.

Ein lebendiges Gleichgewicht braucht deshalb sowohl Verbindung als auch Unterscheidung.

Das Netz braucht Fäden.

Aber es braucht auch Zwischenräume.

V. Transformation – Die Geschichte, die in uns weiterwirkt

Ein Regentropfen hängt an einem Spinnenfaden.

In seiner gewölbten Oberfläche spiegelt sich der Garten. Der Birnbaum steht darin auf dem Kopf. Der Himmel erscheint als winziger heller Fleck, die Gartenmauer als gebogene rote Linie.

Ein zweiter Tropfen zeigt einen anderen Ausschnitt.

Ein dritter spiegelt die Blätter.

Es ist derselbe Garten.

Und doch ist keines der Bilder mit dem anderen identisch.

Dann wird der erste Tropfen zu schwer.

Er löst sich vom Faden, fällt ins Gras und verschwindet zwischen den Halmen.

Das Spiegelbild ist fort.

Das Wasser nicht.

Und der Garten ist ebenfalls noch da.

Was ist also verschwunden?

Diese kleine Beobachtung führt uns zu einer Frage, die weit über den Garten hinausreicht.

Was bleibt von einer Erfahrung, wenn wir sie nicht mehr erinnern?

Was bleibt von einer Begegnung, wenn die Menschen längst auseinandergegangen sind?

Was bleibt von einer Generation, wenn niemand mehr lebt, der ihre Geschichten erzählen könnte?

Wir neigen dazu, Informationen wie Gegenstände zu betrachten.

Etwas wird aufgenommen, gespeichert, aufbewahrt und später wieder hervorgeholt.

Für manche Formen technischer Informationsverarbeitung ist diese Beschreibung durchaus brauchbar.

Doch lebendige Systeme sind komplizierter.

Eine Erfahrung kann verändern, wie wir zukünftige Situationen wahrnehmen, auch wenn wir sie nicht mehr bewusst erinnern.

Ein Kind, das wiederholt erlebt, dass Fragen unerwünscht sind, kann lernen, seine Neugier zurückzuhalten.

Vielleicht erinnert sich der erwachsene Mensch später nicht mehr an die einzelnen Situationen.

Und doch kann das erlernte Muster weiterhin sein Verhalten beeinflussen.

Nun erlebt dieser Mensch eine andere Beziehung.

Fragen werden willkommen geheißen. Unsicherheit wird nicht abgewertet. Irrtümer werden als Bestandteil eines Lernprozesses betrachtet.

Mit der Zeit kann sich seine Erwartung verändern.

Aus der Erfahrung „Fragen sind gefährlich“ kann die neue Möglichkeit entstehen: „Ich darf fragen, ohne meine Zugehörigkeit zu verlieren.“

Solche Veränderungen können auch die Erwartung beeinflussen, selbst wirksam handeln zu können. Der Psychologe Albert Bandura beschrieb mit seinem Konzept der Selbstwirksamkeit, wie die Überzeugung, bestimmte Handlungen erfolgreich ausführen zu können, das menschliche Verhalten mitprägt. [9]

Doch was ist mit der ursprünglichen Erfahrung geschehen?

Ist sie verschwunden?

Wurde sie überschrieben?

Oder besteht sie als Teil einer komplexeren Organisation fort, in der neue Erfahrungen mit früheren verbunden werden?

Die Gedächtnisforschung beschreibt unterschiedliche Formen des Lernens, Erinnerns, Vergessens und der Veränderung von Gedächtnisinhalten.

Sie liefert jedoch keinen allgemeinen Nachweis dafür, dass jede ursprüngliche Erfahrung als unveränderliche Information erhalten bleibt.

Eine weitergehende philosophische Hypothese wäre, dass frühere Erfahrungen in der gegenwärtigen Organisation eines Systems fortwirken können, auch wenn ihre ursprüngliche Gestalt nicht mehr rekonstruierbar ist.

Hier lohnt sich eine Unterscheidung.

Dass eine Vergangenheit Wirkungen hinterlässt, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie als vollständige Information gespeichert bleibt.

Aber ebenso wenig bedeutet das Fehlen einer bewussten Erinnerung, dass eine Erfahrung folgenlos geworden ist.

Vielleicht müssen wir Information deshalb in bestimmten Zusammenhängen weniger als einen Gegenstand verstehen, den ein System besitzt, und stärker als eine Beziehung zwischen Zuständen, Unterschieden und Veränderungen.

Gregory Bateson entwickelte einen Informationsbegriff, bei dem ein Unterschied erst dann relevant wird, wenn er innerhalb eines Zusammenhangs einen weiteren Unterschied bewirkt. Diesen Gedanken entfaltet er insbesondere in seinem Aufsatz Form, Substance and Difference. [2]

Für unsere Überlegungen ist das ein fruchtbarer Ausgangspunkt.

Ein Unterschied erhält seine Bedeutung nicht unabhängig von jedem Zusammenhang. Er wird relevant, wenn er innerhalb eines Systems eine Unterscheidung ermöglicht oder einen Prozess beeinflusst.

Ein fallendes Blatt ist für den Menschen, der darunter spazieren geht, möglicherweise nur ein Zeichen des Herbstes.

Für einen Bodenorganismus kann es Nahrung werden.

Für einen Baum ist der Blattabwurf Teil seiner jahreszeitlichen Lebensprozesse.

Dasselbe Ereignis erhält in unterschiedlichen Beziehungen unterschiedliche Bedeutung.

Und diese Beziehungen verändern sich fortlaufend.

Damit wird Information in unserem philosophischen Modell nicht einfach zum Gegenteil von Transformation.

Sie kann sowohl deren Voraussetzung als auch deren Ergebnis sein.

Eine frühere Veränderung beeinflusst gegenwärtige Möglichkeiten.

Die gegenwärtige Veränderung schafft wiederum neue Bedingungen für zukünftige Entwicklungen.

Hier begegnen wir der Logik evolutionärer Prozesse.

Evolution bedeutet nicht, dass sich Lebewesen zielgerichtet auf einen endgültigen Idealzustand zubewegen.

Biologische Evolution entsteht durch Veränderungen erblicher Merkmale über Generationen, unter anderem durch Mutation, Selektion, genetische Drift und weitere Prozesse.

Welche Merkmale sich erhalten, hängt von den jeweiligen Bedingungen ab.

Und diese Bedingungen sind selbst veränderlich.

Ein Merkmal, das unter bestimmten Umständen vorteilhaft ist, kann unter anderen Umständen bedeutungslos oder nachteilig werden.

Es gibt keinen endgültigen Zustand, in dem das Leben seine Entwicklung abgeschlossen hätte.

Doch auch hier ist Vorsicht geboten: Biologische Evolution, individuelles Lernen und gesellschaftlicher Wandel folgen nicht denselben Mechanismen.

Sie können als unterschiedliche Transformationsprozesse miteinander verglichen werden, ohne sie wissenschaftlich gleichzusetzen.

Die philosophische Gemeinsamkeit liegt in der Frage, wie gegenwärtige Organisation aus vergangenen Veränderungen hervorgeht und zugleich zukünftige Möglichkeiten beeinflusst.

Der Prozess erzeugt Bedingungen, unter denen er weitergeht.

Und damit sind wir bei einer uralten Figur menschlichen Denkens angekommen.

Dem Ouroboros.

Der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Sie steht in verschiedenen symbolischen Traditionen für Kreisläufe, Wiederkehr und die Verbindung von Entstehen und Vergehen.

Doch für unser Modell wäre vielleicht eine Spirale noch passender.

Ein Kreis kehrt bildlich an seinen Ausgangspunkt zurück.

Eine Spirale kann an eine vergleichbare Position gelangen, ohne auf derselben Ebene zu bleiben.

Die nächste Windung ähnelt der vorherigen.

Und ist doch nicht mit ihr identisch.

So könnte auch unsere Erfahrung beschaffen sein.

Wir begegnen ähnlichen Situationen. Wir erkennen vertraute Muster. Manchmal erleben wir alte Gefühle erneut.

Aber wir müssen ihnen nicht zwangsläufig auf dieselbe Weise begegnen.

Was wir inzwischen erfahren haben, kann die Bedingungen unseres Erlebens verändern.

Und vielleicht ist genau das eine der bemerkenswertesten Möglichkeiten lernfähiger Systeme:

Sie können nicht nur ihre Reaktionen verändern. Sie können unter bestimmten Bedingungen auch verändern, wie sie künftig auf Veränderungen reagieren.

VI. Beständigkeit – Die Sicherheit des Unbeständigen

Es ist Herbst geworden.

Die Linde im Garten verliert ihre Blätter.

Noch vor wenigen Wochen war ihre Krone dicht und grün. Jetzt zeichnen sich die Äste gegen den blassblauen Himmel ab. Der Wind fährt durch die Zweige, und immer wieder lösen sich Blätter, die langsam auf den feuchten Boden sinken.

Der Baum verliert.

Blätter. Feuchtigkeit. Teile seiner bisherigen Gestalt.

Und doch bleibt er bestehen.

Im Frühjahr werden neue Knospen entstehen. Wasser wird durch seine Leitungsbahnen steigen. Neue Blätter werden sich entfalten und Licht aufnehmen.

Die Linde bleibt als dieselbe Linde erkennbar, obwohl sie sich fortwährend verändert.

Vielleicht liegt darin ein grundlegendes Missverständnis unseres menschlichen Umgangs mit Beständigkeit.

Wir verwechseln sie häufig mit Unveränderlichkeit.

Dabei kann Beständigkeit gerade dadurch entstehen, dass ein System sich verändert.

Ein Körper erhält seine Lebensfähigkeit nicht dadurch, dass alle seine Zustände unverändert bleiben. Er reguliert fortwährend Temperatur, Stoffwechsel und zahlreiche andere Prozesse.

Auch Beziehungen bleiben nicht lebendig, indem zwei Menschen dauerhaft dieselben bleiben.

Sie entwickeln sich, weil Menschen neue Erfahrungen machen, sich verändern und ihre Verbindung immer wieder neu gestalten.

Eine Freundschaft, die seit dreißig Jahren besteht, ist nicht dieselbe Beziehung wie zu Beginn.

Und dennoch kann sie eine erkennbare Kontinuität besitzen.

Was bleibt, ist nicht die unveränderte Form.

Es ist ein Zusammenhang, der sich über die Zeit erhält und weiterentwickelt.

Aber warum halten Menschen dennoch so häufig an vertrauten Ordnungen fest, selbst wenn diese längst nicht mehr hilfreich sind?

Eine mögliche Antwort liegt in unserem Bedürfnis nach Orientierung.

Komplexität bedeutet, dass viele unterschiedliche Möglichkeiten, Einflüsse und Wechselwirkungen gleichzeitig berücksichtigt werden könnten.

Da wir nicht alles gleichzeitig verarbeiten können, benötigen wir Vereinfachungen.

Wir bilden Kategorien, entwickeln Erwartungen und greifen auf vertraute Deutungsmuster zurück.

Diese Muster helfen uns, handlungsfähig zu bleiben.

Ein Mensch muss nicht jeden Morgen neu herausfinden, wie eine Tür funktioniert.

Ein Team muss nicht bei jeder Besprechung sämtliche Regeln seiner Zusammenarbeit neu aushandeln.

Und eine Gesellschaft benötigt verlässliche Strukturen, damit gemeinsames Handeln überhaupt möglich wird.

Beständigkeit besitzt also einen praktischen Wert.

Doch sie kann auch zu einer Falle werden.

Insbesondere dann, wenn Unsicherheit dazu führt, dass Menschen an bekannten Mustern festhalten, obwohl diese Muster ihre Probleme mitverursachen.

Eine Organisation kann beispielsweise über Jahre an einer hierarchischen Kommunikationsstruktur festhalten, weil sie vermeintlich Sicherheit schafft.

Tatsächlich verhindert diese Struktur vielleicht, dass wichtige Informationen weitergegeben werden.

Die daraus entstehenden Fehler verstärken die Unsicherheit.

Als Reaktion werden die Kontrollen verschärft.

Dadurch sinkt die Bereitschaft, Schwierigkeiten offen anzusprechen.

Neue Fehler entstehen.

Und die Organisation reagiert mit noch mehr Kontrolle.

Ein Kreislauf, der sich selbst stabilisiert.

Nicht obwohl das Muster problematisch ist, sondern teilweise gerade durch die Reaktionen auf die Probleme, die es hervorbringt.

Hier zeigt sich eine wichtige Eigenschaft sozialer Systeme: Sie können auch wenig hilfreiche Ordnungen über lange Zeit aufrechterhalten.

Beständigkeit ist deshalb nicht automatisch gut.

Und Veränderung nicht automatisch besser.

Entscheidend ist, ob eine Ordnung unter den jeweiligen Bedingungen zur Lebensfähigkeit, Entwicklungsfähigkeit und zum Wohlergehen der beteiligten Menschen beiträgt.

Erich Fromms Überlegungen erhalten an dieser Stelle erneut eine gesellschaftliche Dimension.

Eine Gesellschaft, die Sicherheit überwiegend durch Besitz, Wachstum und Kontrolle herzustellen versucht, kann in einen Widerspruch geraten, wenn gerade diese Orientierung ihre sozialen oder ökologischen Lebensgrundlagen beeinträchtigt. [1]

Mehr Besitz erzeugt nicht zwangsläufig mehr Sicherheit.

Mehr Kontrolle erzeugt nicht zwangsläufig mehr Vertrauen.

Und mehr Beständigkeit erzeugt nicht zwangsläufig mehr Lebensqualität.

Vielleicht brauchen wir deshalb ein anderes Verständnis von Sicherheit.

Eines, das nicht auf der Vorstellung beruht, alles müsse bleiben, wie es ist.

Sondern auf der Erfahrung, dass Veränderung möglich ist, ohne dass dabei jede Verbindung verloren gehen muss.

Der Mensch, der einen Beruf verliert, verliert nicht zwangsläufig seine Fähigkeiten, seine Beziehungen oder seine Möglichkeiten, neue Aufgaben zu übernehmen.

Eine Organisation, die eine bisherige Struktur aufgibt, verliert nicht zwangsläufig ihre Identität.

Und eine Gesellschaft, die überkommene Gewissheiten hinterfragt, verliert nicht zwangsläufig ihren Zusammenhalt.

Sie kann neue Formen davon entwickeln.

Das bedeutet nicht, dass Veränderung immer leicht oder schmerzlos wäre.

Manche Verluste sind unwiederbringlich. Manche Veränderungen überfordern. Manche Beziehungen enden, und nicht jede Verbindung sollte erhalten bleiben.

Auch Grenzen, Abschiede und Trennungen können notwendig sein.

Verbundenheit bedeutet schließlich nicht, dass alles mit allem dauerhaft verbunden bleiben muss.

Es bedeutet, dass wir unsere Eigenständigkeit und unsere Abhängigkeiten innerhalb größerer Zusammenhänge wahrnehmen können.

Vielleicht lässt sich Beständigkeit deshalb weniger als Festhalten verstehen, sondern als die Fähigkeit, innerhalb von Veränderungen eine tragfähige Kontinuität zu entwickeln.

Oder anders gesagt:

Beständigkeit ist nicht die Abwesenheit von Veränderung, sondern die Fähigkeit, in der Veränderung verbunden zu bleiben.

Das ist kein Versprechen, dass alles erhalten bleibt.

Es ist eine andere Vorstellung davon, was Erhalten überhaupt bedeuten kann.

VII. Sein – Die Freiheit, viele werden zu können

Kehren wir ein letztes Mal in den Garten zurück.

Es ist früher Morgen.

Die Sonne steht noch tief, und über dem Gras liegt ein feiner Nebel. Auf den Blättern glitzern Tautropfen. Der Birnbaum trägt nur noch wenige Früchte, und zwischen seinen Ästen spannt sich das Netz der Spinne.

Es ist nicht mehr das Netz vom vergangenen Sommer.

Einige Fäden wurden ersetzt. Andere sind verschwunden. Neue Verbindungen sind entstanden.

Auch die Spinne hat sich verändert.

Und der Baum.

Und der Garten.

Alles trägt Spuren seiner Geschichte.

Nichts ist vollständig unabhängig von den Bedingungen, unter denen es entstanden ist.

Doch ebenso wenig ist alles auf diese Geschichte festgelegt.

Neue Bedingungen ermöglichen neue Entwicklungen.

Hier gelangen wir wieder zu unserer ursprünglichen Frage.

Was bedeutet es eigentlich, etwas zu sein?

Im alltäglichen Sprachgebrauch behandeln wir Identität häufig wie eine feste Eigenschaft.

Ich bin mutig.

Ich bin ängstlich.

Ich bin erfolgreich.

Ich bin schwierig.

Ich bin stark.

Ich bin schwach.

Solche Beschreibungen können hilfreich sein. Sie geben Orientierung und ermöglichen es uns, Erfahrungen miteinander zu teilen.

Doch sie können auch zu Begrenzungen werden.

Wenn ich mich ausschließlich als mutigen Menschen begreife, kann es schwierig werden, meine Angst anzuerkennen.

Wenn ich mich ausschließlich als schwach beschreibe, übersehe ich möglicherweise Situationen, in denen ich längst Stärke gezeigt habe.

Und wenn ich glaube, meine Identität müsse dauerhaft unverändert bleiben, kann jede Entwicklung wie eine Bedrohung erscheinen.

Vielleicht liegt Freiheit deshalb nicht darin, überhaupt keine Identität zu besitzen.

Sondern darin, nicht auf eine einzige, unveränderliche Beschreibung der eigenen Person festgelegt zu sein.

Wir können Kontinuität erleben, ohne unveränderlich zu sein.

Wir können uns zugehörig fühlen, ohne unsere Eigenständigkeit aufzugeben.

Wir können eine Geschichte haben, ohne dass diese Geschichte unsere Zukunft vollständig bestimmt.

Und wir können vieles werden, ohne alles gleichzeitig sein zu müssen.

Die Philosophin Hannah Arendt beschäftigte sich in ihrem Werk Vita activa oder Vom tätigen Leben mit der menschlichen Fähigkeit, durch Handeln etwas Neues zu beginnen.

Mit ihrem Begriff der Natalität verband sie die menschliche Existenz nicht nur mit der Tatsache, geboren zu werden, sondern auch mit der Möglichkeit, Anfänge zu setzen. [6]

Bei Arendt ist diese Möglichkeit wesentlich mit dem Handeln zwischen Menschen verbunden. Neues entsteht nicht einfach im abgeschlossenen Inneren einer einzelnen Person, sondern in einer gemeinsamen Welt, in der Menschen einander begegnen und handeln.

Das bedeutet nicht, dass Menschen sich unabhängig von ihrer Geschichte oder ihren Lebensbedingungen beliebig neu erschaffen könnten.

Aber es eröffnet einen bedeutsamen Gedanken:

Unsere Vergangenheit beeinflusst unsere Möglichkeiten, ohne jede zukünftige Handlung vollständig festzulegen.

Und genau hier können wir die Überlegungen von Erich Fromm, Gregory Bateson, Humberto Maturana, Francisco Varela, Heinz von Foerster, Niklas Luhmann und Hannah Arendt miteinander ins Gespräch bringen.

Nicht weil sie alle dieselbe Theorie vertreten hätten.

Sondern weil ihre unterschiedlichen Perspektiven Fragen beleuchten, die für unser Verständnis von Sein und Werden bedeutsam sind.

Fromm richtet den Blick auf die Spannung zwischen Besitzorientierung und lebendigem Sein.

Bateson untersucht Lernen, Unterschiede und die Zusammenhänge, innerhalb derer Bedeutung entsteht.

Maturana und Varela beschreiben die Selbstorganisation lebender Systeme.

Von Foerster lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Beteiligung der Beobachtenden an der Konstruktion ihrer Erkenntnisse.

Luhmann untersucht, wie soziale Systeme ihre eigenen Kommunikationsstrukturen hervorbringen und fortsetzen.

Arendt erinnert an die menschliche Möglichkeit, durch Handeln zwischen Menschen Neues zu beginnen.

Gemeinsam eröffnen diese Perspektiven einen Denkraum, in dem Sein nicht zwingend als statischer Zustand betrachtet werden muss.

Es kann auch als fortlaufender Prozess verstanden werden.

Als ein Werden in Beziehung.

Damit verändert sich auch unser Blick auf Information.

Vielleicht ist Information in einem solchen philosophischen Modell nicht ausschließlich etwas, das ein System besitzt.

Vielleicht lässt sie sich auch als Zusammenhang verstehen, der in Unterschieden, Beziehungen und Transformationen wirksam wird.

Eine Erfahrung verändert möglicherweise die Bedingungen zukünftiger Erfahrungen.

Eine Beziehung verändert die Möglichkeiten der beteiligten Menschen.

Eine Generation hinterlässt Strukturen, Erwartungen und Lebensbedingungen, mit denen nachfolgende Generationen umgehen.

Und jede neue Generation kann diese Bedingungen wiederum verändern.

Dabei müssen wir unterscheiden, welche Prozesse wissenschaftlich nachweisbar sind und welche Aussagen philosophische Deutungen bleiben.

Die Vorstellung, dass sämtliche ursprünglichen Informationen dauerhaft erhalten bleiben, ist keine gesicherte Erkenntnis.

Ebenso wenig können wir aus der Existenz miteinander verbundener Systeme ableiten, dass sämtliche Entwicklungen einem gemeinsamen Ziel folgen.

Doch wir können untersuchen, wie Geschichte in gegenwärtigen Strukturen wirksam wird.

Wie Beziehungen Möglichkeiten eröffnen oder begrenzen.

Und wie neue Erfahrungen bisherige Ordnungen verändern.

Vielleicht ist das bereits eine hinreichend große Aufgabe.

Denn aus dieser Perspektive erscheint auch menschliche Freiheit in einem anderen Licht.

Freiheit wäre nicht die vollständige Unabhängigkeit von allen Bedingungen.

Eine solche Unabhängigkeit ist für lebende Menschen kaum vorstellbar.

Wir benötigen Luft, Wasser, Nahrung, Beziehungen und eine Umwelt, in der wir leben können.

Wir sind auf vielfältige Weise verbunden.

Aber innerhalb dieser Verbundenheit können Handlungsmöglichkeiten entstehen.

Wir können unsere Wahrnehmung verändern.

Wir können Erwartungen hinterfragen.

Wir können Beziehungen gestalten.

Wir können neue Formen des Zusammenlebens entwickeln.

Und wir können lernen, dass nicht jede vertraute Ordnung erhalten bleiben muss, nur weil sie vertraut ist.

Freiheit wäre dann nicht das Gegenteil von Verbundenheit.

Sie könnte gerade in einer bewussteren Gestaltung unserer Beziehungen liegen.

Und Gleichgewicht wäre kein Zustand vollkommener Ruhe.

Es wäre eine fortlaufende Bewegung zwischen Eigenständigkeit und Zugehörigkeit, zwischen Stabilität und Veränderung, zwischen Bewahren und Loslassen.

Vielleicht ist es das, was lebendiges Sein ausmacht.

Nicht eine endgültige Form zu erreichen.

Sondern die Fähigkeit zu entwickeln, sich innerhalb wechselnder Bedingungen immer wieder neu zu organisieren, ohne dabei jeden Zusammenhang zu verlieren.

Die Spinne in unserem Garten besitzt kein unveränderliches Netz.

Sie baut, prüft, verbindet und verändert.

Der Baum besitzt keine unveränderliche Gestalt.

Er wächst, verliert, erneuert und altert.

Und der Mensch?

Vielleicht ist auch er weniger eine abgeschlossene Antwort als eine fortlaufende Frage.

Eine Frage, die sich mit jeder Erfahrung verändert.

Eine Frage, deren Bedeutung nicht ausschließlich in ihm selbst liegt, sondern auch in seinen Beziehungen zur Welt.

Und damit gelangen wir an den Anfang zurück.

Dorthin, wo wir mit einer scheinbar einfachen Frage begonnen haben.

Was hast du?

Vielleicht ein Haus.

Eine Arbeit.

Erinnerungen.

Erfahrungen.

Fähigkeiten.

Vielleicht auch Sorgen, Hoffnungen und einige Probleme.

All das darf sein.

Doch nichts davon muss die ganze Antwort auf die Frage bilden, wer wir sind.

Denn wir sind nicht ausschließlich das, was wir besitzen, erinnern, leisten oder über uns erzählen.

Wir sind auch die Möglichkeit, uns zu verändern.

Wir sind Teil von Beziehungen, die uns prägen und die wir mitgestalten.

Wir sind Kontinuität und Bewegung.

Geschichte und Möglichkeit.

Eigenständigkeit und Verbundenheit.

Und vielleicht dürfen wir die Frage nach unserer Identität deshalb um eine weitere ergänzen:

Was kann ich werden?

Nicht im Sinne einer Forderung nach ständiger Selbstoptimierung.

Nicht als Auftrag, immer mehr zu leisten, zu erreichen oder zu besitzen.

Sondern als Ausdruck einer Freiheit, die aus der Erkenntnis entsteht, dass wir nicht endgültig festgelegt sind.

Vielleicht liegt darin eine besondere Form menschlicher Gelassenheit.

Wir müssen nicht alles haben.

Wir müssen nicht alles wissen.

Und wir müssen nicht ein für alle Mal entscheiden, wer wir sind.

Wir dürfen uns entwickeln.

Wir dürfen uns widersprechen.

Wir dürfen lernen, verlernen und neu verstehen.

Wir dürfen bleiben, während wir uns verändern.

Draußen im Garten bewegt der Wind die Zweige des Birnbaums.

Ein Faden löst sich aus dem Netz.

Die Spinne hält inne.

Dann setzt sie sich in Bewegung.

Nicht zurück zum Anfang.

Sondern weiter.

Und vielleicht ist das die schönste Antwort, die wir auf unsere ursprüngliche Frage finden können.

Was hast du?

Im Augenblick?

Eine Frage.

Und was bist du?

Noch dabei, es herauszufinden.

 

Denn das Sein ist vielleicht kein Zustand, den wir erreichen, sondern ein Werden, an dem wir beteiligt sind.

Und jede Antwort, die wir finden, kann zum Anfang einer neuen Frage werden.

Eine weitere Windung der Spirale.

 

Literatur und wissenschaftliche Bezugspunkte

Die Nummern im Essay verweisen auf die folgenden Werke. Die theoretischen Überlegungen werden sinngemäß wiedergegeben; es handelt sich nicht um wörtliche Zitate. Die weiterführende Verbindung der Ansätze ist eine eigenständige philosophische Interpretation.

1. Fromm, Erich (1976): Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt. Übersetzung: Brigitte Stein. Englisches Original: To Have or to Be? New York: Harper & Row, 1976. Open Library+1

2. Bateson, Gregory (1972): Steps to an Ecology of Mind: Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution, and Epistemology. San Francisco: Chandler Publishing Company. Insbesondere die Aufsätze The Logical Categories of Learning and Communication und Form, Substance and Difference. Digitalisierte Ausgabe.

3. Maturana, Humberto R., und Varela, Francisco J. (1980): Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living. Dordrecht: D. Reidel Publishing Company. Boston Studies in the Philosophy of Science, Band 42. DOI und Verlagsangaben.

4. von Foerster, Heinz (1981): Observing Systems. Seaside, California: Intersystems Publications. The Systems Inquiry Series. WorldCat.org +1

5. Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

6. Arendt, Hannah (1958): The Human Condition. Chicago: University of Chicago Press. Deutsche Erstausgabe: Vita activa oder Vom tätigen Leben. Stuttgart: Kohlhammer, 1960.

7. Gross, James J. (1998): The Emerging Field of Emotion Regulation: An Integrative Review. Review of General Psychology, 2(3), 271–299. DOI: 10.1037/1089-2680.2.3.271.

8. Lieberman, Matthew D., Eisenberger, Naomi I., Crockett, Molly J., Tom, Sabrina M., Pfeifer, Jennifer H., und Way, Baldwin M. (2007): Putting Feelings Into Words: Affect Labeling Disrupts Amygdala Activity in Response to Affective Stimuli. Psychological Science, 18(5), 421–428. DOI: 10.1111/j.1467-9280.2007.01916.x.

9. Bandura, Albert (1977): Self-efficacy: Toward a Unifying Theory of Behavioral Change. Psychological Review, 84(2), 191–215. DOI: 10.1037/0033-295X.84.2.191.


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